E-Gitarren, Bier und etwas Wehmut

Von unserem Redaktionsmitglied Markus Weßling

Fulda

E-Gitarren dröhnen, eine Stimme kreischt. Wer sich am Mittag zufällig dem Fuldaer Uniplatz nähert und nicht gerade auf Punk-Rock abfährt, ergreift ganz schnell wieder die Flucht. Rund 800 Jugendliche aus Fuldaer Schulen denken indes nicht ans Fliehen – sie sind selig, manche gar bierselig. Die Schule ist aus, die Sommerferien fangen an: Jetzt wird gefeiert. Die Band „Wednesday Night Wankers“, die sich aus Musikern aus Fulda und Umgebung zusammensetzt, begeistert. Vor der „Bühne“, der Ladefläche eines Trucks, hüpfen Jugendliche auf und ab und rempeln sich dabei absichtlich an – „poguen“ heißt das in der Jugendsprache.

Für einige ist diese Party eine Abschiedsfeier. Annika Quell (16) von der Winfriedschule zum Beispiel geht bald für ein Jahr nach Colorado in den USA. „Ein wenig wehmütig bin ich schon. Unsere Klassengemeinschaft war super“, sagt sie. Freunde haben auf ihr T-Shirt mit Edding-Stiften gute Wünsche für ihr Auslandsjahr geschrieben. Selbst gestaltete und mit Sprüchen verzierte T-Shirts sieht man überhaupt überall auf dem Uniplatz. Einige sind originell: „Wanted for Murder“ (Gesucht wegen Mordes) steht auf der Vorderseite, auf der Rückseite liest man den Grund: „Zehn Jahre haben wir die Zeit totgeschlagen“. Mancher, der kein T-Shirt hat, lässt sich statt dessen auf den blanken Bauch oder Rücken einen Spruch von der besten Freundin oder dem Freund schreiben:„ Ich hab Dich nie vergessen. Du bist mein süßer Schatzi“.

Und innige Umarmungen sieht man, wohin man auch schaut. Alkohol trinken die Schüler zu einem solchen Anlass natürlich auch. Man darf sich nicht täuschen lassen: Nicht überall, wo „Bitter Lemon“ draufsteht, ist auch nur Limonade drin. „Saufen, grillen und irgendwie durchkommen“, das sei ihr Motto in der zurückliegenden Jahrgangsstufe 11 gewesen, gestehen Sven, Johannes und Christian (alle 17) ein, die angesichts einer solch laxen Arbeitseinstellung ihre Nachnamen lieber nicht verraten wollen. „Wir müssen wohl im nächsten Schuljahr etwas mehr tun“, ist ihnen allen klar.

Die Elterngeneration kann indessen mit dieser Freiluft-Party wenig anfangen. Für Peter Steilen aus Darmstadt zum Beispiel, der aus sicherer Entfernung das Geschehen beobachtet „ist das keine Musik, sondern das sind nur laute Geräusche“. Aber tolerant ist er auch: „Naja, wenn es denen gefällt ... Es ist ja nur einmal im Jahr.“

Die Kommentare der Polizei fallen gewohnt neutral-nüchtern aus: Einsatzleiter Walter Schmidt, der mit einem Kollegen aufmerksam, aber entspannt die Szenerie beobachtet, hat bis zum Mittag keine nennenswerte Zwischenfälle zu verzeichnen. Seine Sorge: „Hoffentlich nutzen die Schüler diesmal stärker die Müllbehälter, damit die Stadtreinigung nicht so viel Arbeit hat“. Später meldet Polizeisprecher Martin Schäfer dann noch drei Leichtverletzte, die sich an Glasscherben geschnitten haben: „Aber nichts Tragisches.“ Von den ursprünglich 800 Teilnehmern sind schon am frühen Nachmittag nur noch rund 500 auf dem Uniplatz. „Viele fahren wohl gleich in den Urlaub“, vermutet der Polizeisprecher.

Ein Beitrag aus der Fuldaer Zeitung vom 19. Juli 2003

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